Drei Außergewöhnliche und ein Steirer

VON MANFRED KLIMEK Sie sehen das Foto des steirischen Winzers Erwin Sabathi. Doch lassen sie sich nicht täuschen, der heutige Beitrag dreht sich vorwiegend um französischen Wein. Und um die Champagne. Und die Klimaerwärmung. Und die Trotteltraube Ugni Blanc. Und um Armagnac. Dann aber doch nicht.

Ich hatte eigentlich vorgehabt, über mehrere neue deutsche Rieslinge aus Rheinhessen und der Pfalz zu schreiben, die mir Martin Zwick, die graue Eminenz der deutschen Weinpropaganda, zu trinken gegeben hat. Nein, eigentlich nicht er, sondern die Winzer. Die waren auch da. Demnächst mehr.

Aber ich denke mir gerade, dass ich das auch ein anderes Mal tun kann, denn ich sitze an meinem Kindergarten-Schreibtisch (130 x 60cm – nein, kein Witz), starre – schlaflos wie immer – in die Nacht hinaus und habe mich entschlossen, die gewohnte Kolumne für eine Sondersendung mit gleich mehreren Weintipps zu unterbrechen, weil ich in den letzten Tagen viel Außergewöhnliches und viel außergewöhnlich Gutes getrunken habe. Und bevor mir die Euphorie über das Getrunkene verloren geht, muss ich darüber berichten.

Zäumen wir das Pferd mal von hinten auf und beginnen mit einem Dessertwein, den man trotz hohen Alkoholgehalts wie Limonade wegtrinken kann. Es handelt sich um ein Produkt der Domaine d’Aurensan, die eigentlich für vier ganz großartige Armagnacs bekannt ist. Caroline Rozès, die auf Aurensan das Sagen hat, suchte vor zwei Jahren eine neue Herausforderung (immer das Hochprozentige ist ja langweilig) und begann, sich mit jeder Art aufgespritteter Weine zu beschäftigen, also mit Portwein, Banyuls und all den anderen süßen Verführern, die man gerne nach dem Dessert oder anstelle des Desserts trinkt. Das am Markt Gängige war Rozès immer einen Tick zu süß und zu banal, und so hat sie selber zu experimentieren begonnen und zwei Weine gekeltert, die man außergewöhnlich nennen kann, weil sie die eigentlich sehr durchschnittliche Sorte Ugni Blanc (jaja, da gibt es sicher gleich wieder ein paar Freunde dieser Außenseiterin) in einem anderen Licht präsentiert. Die Säure ist sehr präsent, die Frucht pöbelt nicht so herum wie in anderen Weinen dieser Machart, und auch die gefälligen Schokoladenoten bleiben so gut wie ausgespart. Dafür bekommt man Erfrischendes ins Glas, das man gerne (ich gehe schon mal in Deckung) mit einem Eiswürfel krönen möchte. Vereinfacht gesagt: geiles Zeug.

Selten, teuer, Zukunft

Der zweite Wein aus Frankreich ist selten und teuer. Aber er ist vor allem ein Beweis der Klimaveränderung. Und man kann ihn all jenen, die die Klimaveränderung immer noch leugnen, als letztgültiges Indiz auf den Tisch stellen, denn der Pinot Noir Ambonnay Rouge (am Markt sind die Jahrgänge 2009 und 2011) kommt aus der Champagne, wo es aufgrund der Witterung für herausragende „normale“ Weine selten reicht.

Der Ambonnay, gekeltert vom herausragend guten Haus Egly-Ouriet, verblüfft vor allem aufgrund seiner fast schon epischen Länge am hinteren Gaumen. Man hätte sich alles erwartet, das jedoch nicht. Hinzu kommt eine stabile, sortentreue Frucht (Herzkirsche, junge Zwetschke und rote Johannisbeere) und eine burgundische Eleganz. Alle bis jetzt genannten Weine gibt es exklusiv und nur auf Anfrage bei Sébastien Visentin (Tel: 030/69519920). Mühsam. Lohnt sich aber.

Kommen wir zurück in die Südsteiermark. Das fällt nicht schwer, denn da war ich gerade und habe die Familie Tement und die Familie Sabathi (Erwin) belästigt. Und bei Sabathi, der ja neulich schon dran war, ist mir der Sauvignon Blanc 2014 aus der Lage Poharnig, den mir der Winzer Erwin Sabathi hingestellt hat, positiv aufgefallen. 2014 war in Österreich gelinde gesagt ein fürchterliches Weinjahr. (Ich weiß, dass andere das besser wissen als ich. Die sagen dann ein „spannendes Jahr“, sehr beliebt auch: „ein gastronomischer Jahrgang“.) Aber wie schon in den fürchterlichen Jahren davor, entscheiden zunehmend fähiger Winzer, wie sie damit umgehen. Und so kommen auch aus angesagt fürchterlichen Jahren ein paar ganz gute Weine in den Handel. Relativ viele sogar. Keiner wird verdursten.

St. Eiermark, du hast es besser

Die Südsteiermark ist im österreichischen „Arschjahr“ (© Klimek) mit Abstand am besten davongekommen, und man kann von Glück reden, dass die Weine der Region so deutlich unterschiedlich ausgefallen sind. Eben wie dieser Poharnig, den Erwin Sabathi 2014 zum ersten Mal in die önologische Moderne geführt hat. Das heißt Spontanvergärung und mehr Mineralität als Frucht. So wird die Aromasorte Sauvignon dem Riesling ähnlich. Der Poharnig ist kühl, straff und ein Genussprodukt intellektuellen Weinmachens.

In der Nase Birne, Pfirsich, Kohlrabi, junger Spargel, Gelbwurz, frisch gewaschene Spinatblätter und nasser Kiesel. Im Mund eine wunderbar elegante und zurückhaltende, jedoch stabilisierende Säure. Für dieses Jahr zudem viel Kraft und Länge. Kann man gut mit leben. Eben.

Den Poharnig gibt es für achzehnirgendwas hier. Ist er wert. Auch mehr.

Diese Geschichte erscheint heute auch in leicht abgeänderter Form in der Welt am Sonntag.

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