Meet ze Gabels

VON MANFRED KLIMEK / FOTOS VON ANDREAS DURST Erste Reihe? Zweite Reihe? Vielleicht noch ne nette Familiengeschichte (gähn)? Manchmal will man einfach nur einen guten Wein trinken. Den von den Gabels etwa. Nie gehört? Jetzt aber..

Gabel, Messer, Schere, Licht. Deutsche Winzer haben oft seltsame Namen. Meine Lieblinge: Klumpp, Kampf, Seitz, Rings, Loch. Lieblingslage: Gammeldinger Dinkelspinne, oder wie die heißt. Na ja, ich bin in dem Alter, in dem ich mir nicht mehr alles merken muss.

Ich muss auch nicht mehr alles wissen. Zum Beispiel wo ich wohne. Ich wohne dort, wo ich am wenigsten besitze. Also in meinem Kopf. Vergessen ist ein Geschenk. Das muss man klar sehen. Manchmal treffe ich Menschen, denen ich vor vier Jahren noch eins in die Fresse gesemmelt hätte. Heute gehe ich grüßend vorbei und wundere mich, warum die devot herübergrüßen, nachdem sie vor dem Grüßen die Straßenseite gewechselt haben. Interessiert Sie eigentlich, was ich da erzähle? Nein? Mich auch nicht. Ich habe vielmehr Lust auf einen ordentlichen Schluck Wein.

Da fallen mir die Flaschen der Gabels auf. Familie Gabel. Typischer deutscher Winzerbetrieb der zweiten Reihe. Sollt heißen: Gute Ware, aber bislang nichts dabei, was Herren wie „BerlinKitchen“ (Kitchen! Nicht Kittchen! Er hat aber ne Kitten) Martin Zwick auf die gute Ware aufmerksam gemacht hätte. Zwick ist der Weinflüsterer Berlins, er greift sich Winzer und macht sie groß. Sein letzter Fall war ein gewisser Klaus-Peter Keller aus Rheinhessen, von dem bis gestern noch keiner gehört hatte. Egal.

Herxheim = Gösseldorf

Ich sehe die Weine der Gabels, starre auf ein sehr schönes Etikett, das im Fachjargon Ausstattung heißt, und beschließe, erst einmal den Riesling aufzumachen. Lage Goldberg. Die kenne ich sonst nur aus Schützen am Gebirge am Neusiedlersee. Die Gabels haben eine schöne Homepage, aber ich bin gerade genug überfüttert mit Geschichten und lese nur, dass sie in Herxheim am Berg keltern. In der Pfalz. Von dem Ort habe ich noch nie gehört (oder ihn wieder vergessen), er klingt so, als hätte ihn Dr. Erika Fuchs (gugeln) für eine Geschichte in einem Donald-Duck-Sonderheft erfunden. Schönster Ortsname dort: „Gösseldorf an der Gumpe“. Das liegt am Gumpensund, der die Grenze zur Republik Brutopien darstellt, die man mit Putins Russland vergleichen kann. Jetzt haben Sie wieder ein bisschen unnützes Wissen mehr im Kopf, das die wirklich wichtigen Sachen (wo ist mein Autoschlüssel? Wo habe ich die Karre überhaupt geparkt?) verdrängt und löscht. Klagen Sie mich ruhig deswegen. Klagen ist gerade boeuf à la mode.

Der Riesling Goldberg 2013 jedenfalls ist die Kraft in der Ruhe selbst. Die Säure sticht keine Sekunde, ja man wähnt sie kaum vorhanden. Und trotzdem vibriert der Goldberg wie die Variationen von Glenn Gould (gugeln). In der Nase Mohn(!), Aprikosenkerne (nass), etwas Kirsche, etwas Brioche, dann grüner, frischer Apfel, Waldmeister, Ginseng, gering Aschenbecher. Im Mund subtil elegant, dann druckvoll, appetitmachend, Typ „Schnell den nächsten Schluck“. Ordentlich Länge, Gewicht, irgendwie orientalisch. Was komisch ist: Er wirkt irgendwie gemacht. Das gefällt mir aber. Also eventuell wenig Individualität, dafür aber eine Menge Populärgeschmack, ohne banal zu werden. Sehr gut! Wo ist meine Wertungsskala? Ach da. Muss kurz nachlesen. 92 Punkte.

Gut Holz

Der Weißburgunder Steig 2013 hat es leicht. Ich trinke ja gerne was aus dem Barrique. Der Steig war im kleinen und mittleren Holzfass zu Besuch und blieb da ein bisschen länger, sodass er Geruch und Geschmack seines temporären Domizils angenommen hat. In der Nase viel Orangenschalen, auch rosa Grapefruit und Limette. Dann Sandelholz, Quitte, Myrrhe (gugeln), ein klein wenig Kräuter und frisch geschnittener Kohlrabi. Im Mund wunderbar cremig, hin zum Meursault, ohne einer sein zu wollen, im Wissen, keiner sein zu können. Und wieder dieses Populäre. Gabel, Gabel: Du wirst Dir doch nicht Antinori (gugeln) zum Vorbild genommen haben? Wieder eine ordentliche Länge mit genügend Druck am hinteren Gaumen. Aber kein Wein für ewig. 93 Punkte.

Bevor ich gehe, noch ein Schluck Spätburgunder „Tradition“ (wen will man damit ansprechen? Die Vergilbten?). Da ist er nun endgültig angekommen, der Antinori. In der Nase viel Herzkirsche, aber auch gerade in Betrieb genommener, ausatmender Staubsauger (hä?), Mandeln, frische Walnüsse, Salbei, rohe Blutwurst. Pfeffer, auch etwas Schokolade und rote Grütze. Im Mund, im Schluck, die nun schon als durchgehend erkennbare önologische Handschrift. Sie ist eine Schönschrift, will gefallen, will aber auch ganz eigen sein, ganz alleine aus dem Selbst glänzen. Nur Freude machen. Und Freunde. 92 Punkte.

Die Weine der Gabels gibt es bei den Gabels. Hier.

Ad