Nach der Attacke ist vor der Attacke

VON MANFRED KLIMEK Vor einem Jahr machte ein „shitstorm“ über die Weine F. X. Pichlers Schlagzeilen. In der Nachbetrachtung eine fast schon lächerliche Angelegenheit. Doch der Schaden war groß. Hat man daraus gelernt?

Lucas Pichler ist der Sohn von Franz Xaver Pichler, dem bekanntesten Winzer der österreichischen Wachau. Lucas Pichler hat vor ein paar Jahren die Regentschaft im Keller übernommen. Das taten viele Söhne prominenter österreichischer Winzer, deren Väter freiwillig vor der Zeit in die zweite Reihe zurücktraten, weil sie sich erinnerten, von welch entwürdigenden Umständen ein Generationswechsel begleitet sein kann. Sie selbst rangen ihren Eltern die Betriebe ab – nach dem großen Weinskandal, dieser Stunde Null des österreichischen Weinbaus. Das prägte diese Väter. Nicht nochmal Streit. Lieber gehen. Von selber.

Auch F.X. Pichler, eine absolute Legende, ließ seinem Sohn den Vortritt. Und dessen Frau Johanna, die selber in einem Weinbaubetrieb groß wurde. Wer Franz Xaver Pichler kennt, der weiß, dass er diesen Schritt wohl nicht so einfach getan hat wie anderen Leitfiguren des modernen österreichischen Weinbaus – etwa Manfred Tement oder Willi Bründlmayer.

Egal. Es zeigt Größe. Es ist getan. Johanna und Lucas Pichler wurden binnen weniger Monate Botschafter des neuen F.X. Neuer Keller, neuer Spirit. Das Neue jedoch braucht auch handwerklich Neues, um als Neues festgemacht, als Anderes im Gleichen erkannt zu werden. Für diese Übung benötigen alle Akteure, alt wie jung, nicht geringes Fingerspitzengefühl, denn einerseits sollen die Weine auch weiterhin die Tradition repräsentieren, andererseits muss der Kellermeister auch beweisen, dass er moderne Interpretationen der Kellertechnik beherrscht – vor allem wenn diese mit einem Abbau technischer Hilfsmittel verbunden ist. Sicherheiten und viel Gewisses wird aufgegeben. Da kann auch mal etwas danebengehen.

Was daneben? Oder nicht?

Im Fall der Weine von F. X. Pichler schien Lucas Pichler etwas danebengegangen zu sein. Die betraf vor allem die Abfüllungen des Jahrgangs 2011, daneben auch Weine von 2010 und 2012. Und es betraf vor allem die Rieslinge, hier noch dazu die Weine aus großen Lagen, die Prestigeobjekte des Hauses, etwa die Lage Kellerberg. Den Weinen wurde ein sogenannter „Medizinalton“ unterstellt. Ich habe diese Weine damals nachverkostet und diesen Medizinalton nicht feststellen können. Pichlers Rieslinge hatten freilich eine gewisse Strenge, vor allem jene von 2011. Ich halte das nach wie vor für einen Umstand des Jahrgangs, denn diese spröde, dunkle Frucht zeigte neulich auch ein anderer, großer Riesling von 2011. Und der kam vom Weingut Emmerich Knoll, einem anderen Spitzenweingut der Wachau. Auf jeden Fall wurde jene Note, die auch bei den hoch gepriesenen Weinen von Veyder-Malberg oft vorkommt, bei Pichler als störend wahrgenommen.

Vollends freisprechen kann ich F.X. Pichlers 2011er Weine nun nach einer letzten Verkostung des gesamten Jahrgangs vor ein paar Wochen. Der vermeintliche Medizinalton, also jener Geschmack, der auch mir aufgefallen war, den ich aber nie als unangenehm oder gar unerträglich verbuchte, hat sich bei den meisten Weinen inzwischen in eine sehr kantige, frische, ja sogar geschmacklich beglückende Mineralität umgewandelt. Alles eine Frage der Zeit, wie Franz Xaver Pichler immer sagt. Oder: „Ihr trinkt die Weine einfach zu früh.“ Nachsatz: „Es Deppen.“ Recht hat er!

Damit könnte man das Kapitel ad acta legen und sagen, man hätte wieder etwas gelernt. Hat man aber nicht. Gerade aus diesem wichtigen Geschehen vor einem Jahr ist so gut wie nichts gelernt worden – gar nichts eigentlich. Denn was Lucas Pichler und dem Weingut geschehen ist, kann heute jedem großen Weingut jederzeit wieder geschehen, jedem Betrieb, der mit seinen Weinen Akzente setzt, Schlagzeilen erzeugt, Punkte bekommt und in der Öffentlichkeit steht. Erfolg erzeugt Neider. Und Tradition lockt Leute an, die antreten, diese zu zerstören.

Das Zerstören der Tradition macht manchmal nicht nur Sinn, sie ist sogar Bedingung für jenen Fortschritt, den auch moderne Gesellschaften brauchen. Und bei diesem Zerstören darf, ja soll der Respekt ruhig fehlen. Im Danach stellt er sich ja ohnehin meist wieder ein. Schnell fertig ist die Jugend mit dem Wort. Oder: Es wird nicht so heiß gegessen, wie gekocht wird.

Doch Lucas Pichler bekam den Zorn eines Weinschreibers zu spüren. Sein Name ist Clemens Mally, und er trägt seinen Hass gegen das Etablierte vor wie Luther seine Tiraden gegen den Papst und die Juden. Mally schart eine kleine Clique von Claqueuren um sich und bezichtigt mal dieses, mal jenes Weingut des Verbrechens, wahrhaftig grottenschlechte Weine zu machen. F. X. Pichler ist ein beliebtes, aber nicht das einzige Schmähziel Mallys. Das Absurde daran: Mally hat nicht mal ein eigenes Blog, eine eigene Plattform, er keift nur aus Facebook heraus und beweist damit, wie wichtig und wie gefährlich soziale Medien inzwischen sind.

Anders gesagt: Mally hat mit seinem Medizinalton-Shitstorm ein Erdbeben ausgelöst, und wahrscheinlich hat er diese Erschütterung weder gesehen noch gewollt. Aber ihm wurde Recht gegeben, denn viele andere Weintrinker fanden nun auch, dass die Pichler-Weine anders schmecken als die Jahre davor (und das stimmt ja auch). Nach Mally waren diese Weine aber nicht einfach nur andere Weine, neue Weine, die ihre Zeit brauchen, sondern untrinkbarer Dreck, den man am liebsten weggießen möchte – ein Betrug am Konsumenten. Der Grund dafür war schnell festgemacht: Die Pichlers arbeiten eben nicht wie jene radikalbiologischen Winzer, die Mally vergöttert.

Posse wird Problem

Diese Posse müsste uns nicht weiter beschäftigen, denn wer ist dieser Mally denn schon, dass man sich mit ihm beschäftigen müsste? Doch hat seine Meinung ein messbares Gewicht bekommen, jenes der reklamierten und retournierten Flaschen, die inzwischen alle wieder längst in den Kellern der Konsumenten liegen – oftmals in den gleichen Katakomben. Mally hat finanziellen Schaden angerichtet. Und viel mehr noch: Er hat Lucas Pichler beinahe gebrochen, denn der feinfühlige Junior nahm sich die Angelegenheit oftmals besorgniserregend zu Herzen. Das spricht übrigens nicht gegen ihn. Ganz im Gegenteil.

Ein Jahr und ein paar Monate später ist die Angelegenheit ausgestanden, und wie es die Gesetze der neuen Medien wollen, kümmert das keinen mehr, hat man es vergessen und frönt neuen Empörungen. Doch nach Mally/Pichler hat sich keiner zusammengesetzt und beraten, wie man einer weiteren solchen Situation begegnet. „Nichts gelernt“ heißt, dass es kaum bis keine Strategie gibt, wie man einem neuen Shitstorm entgegentritt, der insofern nicht auszuschließen ist, als sich immer mehr persönlichkeitsgestörte Personen der Macht der Online-Community bedienen. Bislang blieb der Weinbau davon verschont. Doch dies wird nicht ewig so bleiben, denn gerade im Weinbau haben sich in den letzten paar Jahren deutlich sichtbare Weltbild-Fronten aufgebaut; die friedliche Koexistenz der Zugänge und Methoden ist noch nicht ausgemacht. Und genauso kann es das nächste Mal einen der neuen alternativen Biowinzer treffen, der mit seinen Naturweinen erfolgreich ist und von einem Etablierten angegriffen wird. Nicht nur in Berlin gibt es hierfür Agenturen, die in deutlicher Bezugnahme ihre Dienste anbieten. Jede Stunde können sie den Weinbau entdecken, eine friedlich dahindümpelnde Milliardenbranche, in der sich mit strategisch gut geplanter Kreditschädigung gut Geschäft machen lässt. Mir kann keiner erzählen, dass irgendein Winzer oder irgendeine Weinagentur, auch kein Händler, ein Konzept in der Lade hat, wenn einem zweiten Typ wie Mally der Kragen juckt. Diesmal vielleicht gar nicht als Einzelner, gar nicht unter seinem richtigen Namen und gar nicht so tölpelhaft wie unser junger Wilde aus Niederösterreich, der ja nicht einmal ein Drehbuch für seine Aktion hatte. Nur blanken Hass und einen anzunehmend ausgeprägten Minderwertigkeitskomplex.

Nichts gelernt. Aber gewarnt. Man darf die Frage ohne Panik stellen: Wer ist der nächste? Bin ich es?

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