Ist, was es ist

KURZSTRECKE / VON BORIS MASKOW Ich bin, was ich bin, sagt der Champagner. Doch gibt es ein paar besondere Kreationen, die einem das Gigantische des besten Schaumweins der Welt stets in Erinnerung rufen.

Die Frage: Woran erkennt man eigentlich guten Champagner?

Die Antwort: Guten Champagner erkennt man an gutem Champagner. So empörend dumm das auf der einen Seite klingt, so sublim, ja subliminal ist die Aussage auf der anderen. Weinmenschen, Weinbegeisterte in ganz Deutschland empören sich jedes Mal auf’s Neue, wenn dieses einfache Urteil fällt, das deutsche Schaumweine immer zu degradieren scheint. Champagner stellt für sie keine Besonderheit dar, so als könnte man Gleichwertiges überall schaffen – die regionalen Besonderheiten unberücksichtigt lassend.

Bevor nun wie so oft allseitige Durchbeleidigungsarien unnötig Raum greifen, rate ich zur Indolenz. Beim Champagner, und damit eigentlich beim Wein insgesamt, ist es doch nicht anders als in den schönen Künsten. Unter den Ereignissen und Werken gibt es Unsterbliches, das selbst vom blutigen Laien auf Anhieb als groß, bedeutend und irritierend singulär erkannt wird. Musikstücke z.B. erscheinen in zwei Formen: 1.) In der Aufführung durch geeignete, werktreue oder interpretierende Ensembles und 2.) in der degoutanten Trötversion, wie sie uns als Warteschleifenmusik oder Klingelton begegnet. Soll heißen: Selbst bei ganz Großem ist die Verballhornung möglich, ja sogar anzunehmen.

Klingeltöne schaler Halbzufriedenheit

Wenn ich also hier von Champagner spreche, ist nicht von Klingeltönen schaler Halbzufriedenheit die Rede, sondern von fieberndem Sehnen und schierer Verzückung. Geschwollen Worte, die von Wahrheit künden.

Einem besonders lebensbejahenden Klavierstück gleichzusetzen ist der Champagner von Benoît Marguet aus Ambonnay und Hervé Jestin, langjähriger Kellermeister bei Duval-Leroy. Erwähnenswert: Jestin ist der große Biodynamiespezialisten unter den Kellermeistern der Champagne. Verwirrenderweise wird der Champagner von beiden unter jeweils eigenem Namen verkauft, ist aber inhaltlich identisch. Bei Marguet heißt er „Cuvée Sapience“, bei Hervé Jestin „Vintage 2006 Extra Brut“.

Die Trauben für dieses Gemeinschaftsprojekt stammen von den drei „L“ der Champagne: Vincent Laval, David Leclapart, und ab dem Jahrgang 2007 auch von Benoît Lahaye. Große Namen, die für individuelle Weine stehen. Für zwei Drittel der Cuvée zeichnet Chardonnay von Leclapart verantwortlich, ein Drittel ist Pinot Meunier von Laval. Ab 2007 ändert sich die Zusammensetzung, dann gibt es von Leclapart nur mehr 50% Chardonnay, Laval und Lahaye teilen sich den Anteil Schwarzriesling, wobei Lahaye auch seinen Bouzy-Pinot beisteuert. In der Nase erst Blumenduft, Quitte und Trockenfrüchte, das Holz offenbart sich erst mit etwas Luft – dann aber fast aufflammend. Im Mund dann Röstnoten, nussiges Hefelager und allzeit alerte Säure, die von 3 g/l Dosage nicht gehindert wird, sondern zur ersprießlichsten Wohlfahrt völlig freie Hand bekommt.

Der „Sapience/Vintage 2006“ ist ein Champagner, den man mit Ehrfurcht und Verwunderung betrachtet, wie man sonst nur das eigene Gemächt zu betrachten wünscht. Wenn man nicht John Holmes (gugeln) heißt. Und tot ist.

Das Zeug ist freilich nicht günstig. 150 aufwärts. Und man bekommt es auch nur hier in Frankreich. Was aber kein Hindernis ist.

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