Ende Gelände Legende

VON MANFRED KLIMEK Berlins irrste Bar macht dicht. Und damit endet eine Zeit, die nicht wieder vor den Vorhang zu holen ist. Ein Nachruf..

Nein, ich bin nicht dort. Ich werde auch um 7h früh nicht hingehen. Aber ich werde mit dem Taxi vorbeifahren, einen kleinen Umweg machen, wenn ich zum Hauptbahnhof fahre und meinen Zug nach Mainz besteige. Und ich werde einen letzten Blick werfen. Auf mein Gestern. Das Gestern vieler Leute. Die King Size gibt es nicht mehr. Heute Morgen sperrt sie zu. Der Grund: Anrainerbeschwerden. Kein Wunder.

Die King Size war die wahnsinnigste Bar, in der ich je tanzen durfte. In der King Size war ich glücklich und todunglücklich. Entweder, oder. Niemals gleichzeitig. Die King Size war eine Botschaft, sie beschrieb Berlin besser, als geschriebenes Wort Berlin je beschreiben kann. Eine ehemalige Imbissbude, ein Schwulenlokal, alt, versifft, ranzig, winzig und verraucht, mit gutem Bier, ordentlichen Cocktails, mittelmäßigem Schaumwein, einer großartigen Crew und verdammt guter Mucke. Mann, die Mucke: Ich habe hier ein paar der besten Nächte meines Lebens durchgetanzt. Und jeder Moment dieses gedimmten Wachseins wird mir immer in Erinnerung bleiben.

Die King Size machten Boris und Stefan. Die machen auch den Grill Royal und den Pauly-Saal. Und jeder, der Wein liebt, wird diese beiden Lokale lieben, denn sie haben nicht nur die besten Weinkarten Berlins, sondern auch die besten Sommeliers am Start. Auch wichtig: Die Weine haben einen fairen Preis. Hier kann man groß trinken, ohne danach Insolvenz anmelden zu müssen.

Und irgendwann ging’s nur ums Ficken

Die King Size jedoch war das Gegenstück zu Grill und Pauly. Die King Size war ein Laden, in dem es um enthemmten Spaß ging, keine Schranken, ums Tanzen und irgendwann ums Ficken. Nur im Berghain wurde mehr gefickt. Und vielleicht im Cookies. Ist das wichtig? Ja, ist es.

Ab fünf Uhr früh hätte jeder Uno-Beauftragter den Laden zum Katastrophengebiet erklärt. Überall Schweiß, Dreck, Körper, Dampf, Beat, Wahnsinn. Dass es hier, in dem engsten Gedränge der Welt, niemals zu einer Massenpanik gekommen ist, beweist, dass unsere Zivilisation funktioniert. Richtig funktioniert!

Ja, höre ich oft sagen, so etwas Ähnliches gibt es auch in München, Wien, Frankfurt, etc. Das kostet mich jedes Mal ein müdes Lächeln. So etwas wie die King Size gab es nie anderswo und wird es auch in Berlin nie wieder geben. Die King Size lebte jene letzten fünf Jahre, in der Berlin noch Berlin sein durfte. Mit dem Ende der King Size beginnt der Abstieg Berlins. Das Cookies ist zu, im Berghain wollen vor allem reiche Touris ihr Spießerleben hinter sich lassen, und im Ritter Butzke fällt jeden Freitag eine Horde Briten ein, saufender und prügelnder Pöbel. Nein: Berlin, gib zu, es ist vorbei.

Ein Ende. Gut!

Deswegen gut so, dass die King Size just in diesem Moment schließt. Man wird sie nirgendwo wiederbeleben können. Das zeigt die Trust, die eben nur in der Torstraße jene Trust war, die wir in Erinnerung behalten. Anderer Ort, andere Zeit, andere Welt.

Und die Mucke. Nochmals die Mucke. Am 7. Januar 2012 ging es mir echt Scheiße. Dauert zu lange, jetzt zu erzählen, warum. Aber in der Nacht legte eine japanische DJane auf. Name vergessen. Leider. Zuerst kam eine lange Strecke bekannter Arschloch-Hits aus dem Formatradio, die irgendwie anders unterlegt waren, dann eine Gewaltdosis Ursprungs-Rock-’n‘-Roll, die fließend in einen betörend kalten Techno überging, der alle im Raum Komplizen eines ummantelnden Glücks werden ließ. Zugegeben: Man war drauf. Aber wer das nicht erlebt hat, der hat Leben nicht erlebt, Leben und Beat. Körper und das große ganze Gemeinsame. Gott, was bin ich dankbar, das erlebt, das gehabt zu haben.

Berlin verändert sich, Berlin verspießert. Die große Zeit ist vorbei. Immobilienkäufer und schwäbisch-pfälzische Impfgegner tragen Berlin zu Grabe. Die Stadt hat das immer abgeschüttelt. Dieses Mal wird das Abschütteln länger dauern, und die nächste große Zeit, die nächste grandiose Berlin-Zeit, wird nicht mehr meine Zeit sein. Ich danke sehr, ziehe den Hut und lebe die Erinnerung. Große Tage. Aber Ende Gelände Legende. Schnitt!

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Kommentare

  1. […] Allein oder in Begleitung. Der Underground-Hedonismus hat ausgedient und macht Platz für all die Party-Touristen, die in Berlin einen draufmachen wollen und etwas von diesem alten Geist der 20er erhaschen wollen. […]