Tschianti: Demokratisiere das Oben

VON MANFRED KLIMEK Chianti-Cassico? Weg von Fenster! Kommt wieder, sagt Fonterutolis Filippo Mazzei. Aber im anderen Gewand. Wir sagen: Trotzdem als Kaiser.

Es ist ein Wort, ein Ansatz. Und es fällt gegen Ende des Gesprächs in Fonterutoli, einem kleinen Ort in der Mitte des Chianti-Classico-Gebiets. Hier lebt die Familie Mazzei – Familie, Entschuldigung – Grafen, Adelige, alter Adel, toskanisches Urgestein. Das Wort ist: „leistbar“.

Filippo Mazzei, einer der Herren auf Fonterutoli, sitzt in einem leicht abgewetzten Ohrensessel in einem alten Zimmer in seinem Gutshaus. Das Zimmer ist nicht groß, denn groß ist kein Raum in der Toskana. Nicht mal einer des Adels. Das liegt nicht am Understatement, sondern an der sommerlichen Hitze. Kleiner Raum, kleine Fenster, viel Stein, viel Kühle. Im Winter friert man halt, doch der Winter dauert nur drei Monate. Auszuhalten.

Filippo Mazzei hat das Hemd bis zum Bauchnabel offen. Man blickt auf den gut trainierten Oberkörper des Mittfünfzigers. Diese auch sexuelle Selbstverständlichkeit entwickelte Mazzei in den Siebzigerjahren, als er mit den jungen Antinori und den jungen Frescobaldi Teil der berüchtigten Costa-Smeralda-Clique war – jene toskanischen Jungwinzer, die als erste in Europa mit den Traditionen ihrer Väter brachen und den regionalen Wein in die Moderne führten. Stichwort: Bolgheri. Zweites Stichwort: Supertuscan.

Die dritte Kategorie

Diese Zeiten sind vorbei. Und Filippo Mazzei ist einer, der das früh kapiert hatte und der sich für den Chianti Gran Selezione stark machte, diese umstrittene, dritte Kategorie Chianti, die nach dem Classico und dem Riserva eine neue Spitze definieren soll. Wenn man so will, ist der Gran Selezione, was die Großen Gewächse in Deutschland sind. Filippo Mazzei nickt bei diesem Vergleich, doch halt: Ihm geht es dann doch um anderes! Um mehr!

Die Gran Selezione sollen nämlich die neuen, erschwinglichen toskanischen Spitzenweine sein. Jene Topkreationen, die sich auch die Mittelschicht ganz easy leisten kann. Eine Kiste kaufen, ab in den Keller damit und jedes Jahr ein, zwei Flaschen öffnen und genießen. Alte Konsumkultur für neue Generationen. „Für jene“, sagt Mazzei, „die einer verlorenen Tradition nachtrauern.“

Und dann stellt er den Fonterutoli Gran Selezione 2011 auf den Tisch, den Wein unter seinem Supertuscan, dem „Siepi“. Da hat sein Önologe ganze Arbeit geleistet, die eigentlich halbe Arbeit ist. Was muss der Wein können? „Er muss nach Toskana schmecken und viele, viele Jahre Freude bereiten,“ „Word“, wie Ansage auf online-isch heißt.

Dark, darker, darkest, Donnie Darko

Im Glas dann auch ein ziemlich dunkler Sangiovese, der mit ein bisschen Saft colorierender Trauben noch dunkler wird. „Schwieriges Jahr“, sagt Mazzei, „aber nicht so schwierig wie 2014.“ Und was war 2014? „Haben wir auch was Gutes hingekriegt. Gibt halt nur wenige Flaschen.“

In der Nase rote, nasse Erde, ein wenig frisch ausgewaschener Kneipen-Aschenbecher, dann brutal Cassis, rote Beete, nur gering Rumtopf, dafür Kochschokolade aus Omas Küchenkasten, etwas Holz. Holz? „Meistens große Fässer. Und meistens auch gar kein besonderes Toasting“, sagt Mazzei, „der Wein muss die Holzaromen einfach schlucken.“ Gut so.

Im Mund enorm spröde, aber enorm Kraft. Ein Bruch! Hier ist wieder ein Wein, der für die Strecke gebaut wird. Warum das? „Mir geht es darum“, sagt Mazzei, „dass es wieder lagerfähige Weine gibt, die keine Marmelade sind. Weine, die Eleganz versprechen und dieses Versprechen auch in zehn Jahren noch halten.“

Keine Stille im Klischee

Es geht also um traditionellen Wein? Nein, sagt Mazzei, das sei auch nur so ein Klischee. Es gehe vielmehr darum, diese Lücke zu schließen, die die aufwärtsstrebenden Bordeaux-Weine, aber auch die Supertuscans hinterlassen hätten, die Sehnsucht nach großen Weinen mit langem Nachhall und großer Nachhaltigkeit. Und die man trotzdem bezahlen könne. „Diese Sehnsucht können wir mit unserem Gran Selezione befriedigen“, sagt Mazzei sichtlich stolz. Nachsatz: „Nicht nur wir machen gute Gran Selezione. Das wäre ja schrecklich.“

Chianti Gran Selezione 2011 von Fonterutoli für etwa € 40,- im ausgesuchten Italien-Fachhandel. Die Weinparty gibt Punkte. Dafür darf sie auch mit Eiern und Tomaten beworfen werden. Dieses Mal 94/100. Der Wein war richtig gut.

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