Säure mon amour

VON MANFRED KLIMEK Was zählt, das liegt dazwischen. Auch in der Wachau. Ein paar Worte über die besonderen Weine des bekennenden Säurefans Erich Machherndl.

In der österreichischen Weinregion Wachau stehen sich zwei Ideologien gegenüber. So kann man das sehen. Freilich will man das nicht so sehen. Offiziell. Und jeder, der nachfragt, bekommt zu hören, dass es nicht so sei. Also keine zwei Ideologien, keine Fronten, vielleicht etwas Diskussion, sonst nur Friede, Freude, Eierkuchen. Ist nicht so. Aber die Wogen glätten sich, weil jeder sein Auskommen hat. Das Nebeneinander klappt.

Die Wogen glätten sich, weil inzwischen eine Nachfolgegeneration die traditionellen Weingüter bestimmt. Gerade die Weine von F.X. Pichler oder Knoll zeigen heute Klarheit, Brillanz und Eleganz, wie dies vor fünfzehn Jahren nicht möglich gewesen wäre. Das alleine, weil vor fünfzehn Jahren kein Verlangen nach Klarheit, Brillanz und Eleganz da war; damals, als jede Menge botrytisbefallener Trauben ohne einen Gedanken zu verschwenden im Lesegut landeten. Besonders viele im Jahr 1998, das jedem Weintrinker lange als Jahr der untrinkbaren Weine in Erinnerung blieb. 1998 hinterließ Empörung. Und Abkehr.

Jetzt kommt das große „Aber“. Denn 1998, der Jahrgang mit der meisten Botrytis in sogenannten trockenen Weinen, hat sich in den letzten fünf Jahren ungeheuer entwickelt. Das aufdringliche Alkoholische verschwand und danach mutierten die 98er von Pichler, Hirtzberger, Knoll, Jamek und all den anderen zu richtiggehenden Delikatessen. Elegant werden diese Weine nie, jetzt aber schmecken sie – man möge den Vergleich verzeihen – wie eine perfekt gemachte, extrafeine Leberstreichwurst aus Lyon. Deftige, mollige Freudenspender, die ihre kunstfertige Herkunft nicht verbergen können. Diese 98er Smaragde sind ein Plädoyer für botrytisreiche, fette Veltliner und Rieslinge, die man so nur in der Wachau bekommt. Und ich – lange ein Gegner dieser Edelfäulebomben – muss zugegeben, bekehrt worden zu sein. So etwas will ich trinken. So etwas muss eben lange lagern. Und so etwas darf keiner Ideologie zum Opfer fallen. Botrytis ist nicht gleich Botrytis – der gute Winzer kennt die verschiedenen Vorkommen und was sie unterscheidet.

Der saure Erich

Jetzt könnte man also der Wachau eine Win-Win-Situation bestätigen. Die kleine, grandiose Weinregion hat nachgewiesenermaßen Platz für zwei komplett unterschiedliche Weinstile, die beide in ihrer Kategorie nahezu Alleinstellungsmerkmal besitzen. Hier die bekannten Traditionsweine, dort die neuen, trockenen, feinmineralischen, und manchmal auch rauen Kreationen von Malberg, Tegernseehof und Konsorten. Dazwischen der Mann für jede Jahreszeit, der großartige Rudi Pichler. Und dazwischen, wenngleich mehr auf Seiten der neuen Wachau, auch jener Mann, dessen Weine ich gerade im Glas habe: Erich Machherndl jr. aus Wösendorf.

Der ist zwar schon bald Mitte Vierzig, das Bübische kann man ihm aber nicht aus dem Gesicht radieren. Wir streichen – der Vater wird’s verzeihen – das „jr.“ aus der Namenszeile und fahren mit ihm zwar nicht als Padre, jedoch als Padrone fort. Erich Machherndl verfolgt einen sehr einprägsamen önologischen Stil, denn Machherndl ist Säurefan. „Bekennender Säurefan“, wie er sagt. Und damit trifft er den Nationalgeschmack der Ostösterreicher, die gerne Weine mit einer hohen Säure trinken. Feinherber deutscher Riesling hat es hier schwer.

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