Der Alleskönner und die Rotweinflut

LANGSTRECKE / VON MANFRED KLIMEK Rot -ich weiß nicht – Rot. Viele österreichische Rotweine sind schwer verkäuflich, doch vom Grünen Veltliner könnte man ein paar tausend Flaschen mehr gut gebrauchen. Wie kam es zu diesem Dilemma?

Der Weinhändler flucht. Ja, richtig, er flucht! Und das auch noch laut. „Von dem Zeug kriege ich nur schwer was los, keiner will das kaufen.“ Die Rede ist von einem Zweigelt aus dem Burgenland, ein einfacher, banal fruchtiger Wein mit einem seit Jahren sehr attraktiven Preis-Leistungs-Verhältnis. Eigentlich eine sichere Bank. Der Weinhändler möchte nach dem kurzen, aber heftigen Aufschrei nichts mehr sagen, möchte nicht, dass er derjenige ist, der hier schlecht redet, der den Wein schlechtredet: „Weißt eh, wie das ist in Österreich. Besser man hält seinen Mund.“

Das ist nicht neu. Neu hingegen ist, dass dieser Wein letztes Jahr noch quasi ein Selbstläufer war, doch der Weinhändler dieses Jahr Probleme hat, den aktuellen Jahrgang in den Lokalen der ausgebuchten Skigebiete Salzburgs, Tirols und Vorarlbergs unterzubringen. Zudem hat ihm der nicht gerade unbekannte Winzer auch ein paar Paletten anderer einfacher Rotweine vor die Türe gestellt. Zusammen mit ein paar Topkreationen. „Die teuren Weine kriege ich sicher los“, erklärt mir der Händler, „das ist ja das Groteske. Aber wohin soll ich mit all dem anderen Zeug? Das kost‘ mehr als ein guter Chilene. Wer braucht das?“

Nur das jahrelang aufgebaute Vertrauensverhältnis verhindert den Konflikt zwischen Winzer und Händler. Doch ein offenes Wort, ein Gespräch, ist unausweichlich. „Ich muss ihm sagen, dass ich die Menge nicht halten kann.“

Österreich hat ein Problem mit seinen Rotweinen. Es gibt zu viele. Und sie sind zunehmend schwer verkäuflich. Ein Rundruf bei einigen ausgesuchten Händlern bestätigt diese Einschätzung. Das beschäftigt inzwischen einige Experten hinter verschlossenen Türen. Grundfrage: Was macht man mit den vielen Rebstöcken, die die falschen Sorten tragen? Und tragen sie überhaupt die falschen Sorten?

Modern und unverkäuflich 

Oder was macht man – nur um ein Beispiel zu nennen – mit einem sehr modernen Weingut im Mittelburgenland, das ausschließlich über eigentlich gut vermarktbare Monopollagen verfügt, über Weingärten, die genau jetzt in das richtige Alter kommen, exzellente Trauben ausreifen zu lassen? Dieser Betrieb steht seit Monaten zum Verkauf. Der Preis ist inzwischen wohl verhandelbar, ein neuer Eigentümer muss kaum investieren. Warum lässt sich dieses exzellente Gut so schwer losschlagen?

Ein Grund dafür, sagt ein sehr berühmter Nachbarswinzer, der seit Jahren mit forciertem Bioweinbau Furore macht und seine Rotweine in dieser Nische weltweit gut verstaut, ein Grund dafür sind die internationalen Sorten, auf die die Winzerfamilie vor bald 20 Jahren gesetzt hat. Damals war das in Mode. Heute nicht mehr. Heute will man Blaufränkisch, die autochthone österreichische Sorte, die auch international Ansehen verschafft.

Dieser Kernaussage, die von vielen Journalisten und Weinmarketing-Experten geteilt wird, widersprechen aber einige Händler, die lediglich den paar schon seit Jahren bekannten Blaufränkischen – etwa von Triebaumer, Kollwentz, Prieler, Weninger, Heinrich, u.v.m. – eine Chance geben. Und dann noch jenen, die an diese alten Helden das österreichschen Rotweinbaus andocken; vor allem den Kreationen aus der Region Eisenberg und hier vor allem jenen des international umtriebigen Uwe Schiefer, der sich mit Dorothea Muhr (Muhr-Niepoort in Carnuntum) und Roland Velich (Moric in Höflein) zu den Vorkämpfern extrem regionaler Blaufränkischer zählen darf – Weine, die weniger vom Holzfass als von der Kraft alter Reben geprägt sind.

Parker tritt nach

Diese Blaufränkischen bekommen immer eine ungewöhnlich hohe Punktezahl von Robert Parker (neu: für Parker bewertet seit einigen Wochen Stephan Reinhardt die österreichischen Weine) oder anderen internationalen Verkostern. Doch als wolle er Feuer nachlegen, ließ sich Parker vor einigen Monaten zu der Aussage hinreißen, dass Blaufränkische selten schmackhaft sind. Außer sie entspringen einer besser aufgestellten Cuvéetierung (Originalzitat: „rarely palatable unless lost in a larger blend“).

Da trifft er in eine Wunde, denn deutsche oder skandinavische Händler bestätigen den Trend, dass der oft leichtgewichtige Blaufränkische oder andere einfache, österreichische Rotweine vom Konsumenten nur schwer angenommen werden. Sie sind zu teuer und können nicht mit den vielen spanischen Rotweinen mithalten, die nun extrem vergünstigt und zudem mit wertvollen Parker-Punkten beladen die europäischen Weinmärkte überschwemmen. Pech: Auch in Österreich übernimmt eine Konsumentengeneration das Ruder, die mit patriotischem Trinken nur mehr wenig anfangen kann. Die Alarmsignale sind also nicht zu übersehen.

Keinen Alarm hingegen geben Österreichs Weißweinwinzer. Der Durst der Landsleute scheint ungebrochen. Schuld daran ist vor allem ein Alleskönner unter den Rebsorten, der Grüne Veltliner, Österreichs wohl wichtigste autochthone Traube, die sowohl zu einem leichten Durstlöscher als auch zu einem gehaltvollen Wein burgundischen Stils verarbeitet werden kann. Weiterer Vorteil: Der Veltliner gehört Österreich nahezu alleine. So wie die Kaisersemmel, die Mozartkugel und der Bonner Beethoven.

Bombenstoff gegen Burgunder

Was Grüner Veltliner kann, haben österreichische Winzer schon vor einigen Jahren bei einer legendären Verkostung gegen hochwertige Burgunder bewiesen. Weil das Ergebnis so eindeutig für die fetten und cremigen Veltliner aus Niederösterreich ausfiel, wurde es gleich gar nicht veröffentlicht. So kam es zu einer Intrigen-Legende, die dem Ruf des Veltliners nicht abträglich war – die Sorte war von nun an ein Geheimtipp.

Abträglich aber war, dass die Anbaufläche zu schrumpfen begann, während der Ruhm wuchs. Standen 1999 in Österreich noch 17.479 Hektar Grüner Veltliner in Bewirtschaftung, waren es zehn Jahre später nur noch 13.518 Hektar. Das ist ein Schwund von rund 23%. Noch vor wenigen Jahren hätte man nicht angenommen, dass diese Reben je fehlen würden.

Weiter auf der nächsten Seite

Ad

Kommentare

  1. […] überspitzt, wie immer, und das ist auch ganz in Ordnung. Er ist übrigens wieder da. Gar gewaltig. Gleich mit einer ganzen Partei. Mich freut das! Da darf er von mir aus auch weiter wettern und zetern über die Art von Wein, die […]