Anschwellender Jahrhundertjahr-Abgesang

VON BOTHO FRANZ JOSEF GRAF VON STRAUSS Achtung: Sie lesen die nächsten Minuten einen Insider-Artikel, der nur einen geringen Teil der Weintrinker betrifft und auch nicht allen Enthusiasten große Erkenntnisse bringt. Noch dazu vernachlässigt der Autor die Informationspflicht über Spargelweine. Sie sind gewarnt. Lesedauer: 7 Minuten.

Ein Satz, der in letzter Zeit besonders oft über mich gefallen ist, lautet: „Der Klimek hat ja damals, als er noch Dings war, immer über Themen geschrieben, die nur eine geringe Zahl Weintrinker interessieren.“ Stimmt! Wenn Sie lieber einen Artikel über Spargelwein lesen wollen, müssen Sie anderswo zuschalten. Ich kenne einen alten Griesgram, der mir zum Spargel immer einen Elbling andrehen will. Da dreh‘ ich bei, zu und ab. Alles zugleich.

Ich habe heute in irgendeinem Online-Ableger eines eigentlich seriösen Printmagazins – kann auch eine Tageszeitung gewesen sein – neben jedem Artikel den Hinweis entdeckt, wie viel Zeit mir der jeweilig dort hinterlassene Text raubt. Das ist mal echter Kundenservice. Man könnte ja Wichtigeres tun, als Journalismus online und gratis zu konsumieren. Zehennägel schneiden zum Beispiel. Oder der Amsel am Balkon zusehen, wie sie in den Webergrill scheißt.

Geht es noch tiefer? Ist das Ansehen des Journalismus‘ nicht ohnehin im Keller? Stehen die Verlagshäuser nicht tief genug in der Rue de la Gack? Alles gratis dem Volk hinwerfen, auch das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen, das sich von Schirrmachers Tod leider nicht erholt; all den Content, das Recherchierte und gemein Gemeinte einfach herschenken und dann auch noch den Leuten in den Arsch kriechen? Soweit ist es gekommen, liebe mitlesenden Medienmacher. Wir sind ganz unten (© Wallraff). In flehendem Ton rezitieren: „Bitte, lieber Leser, nimm dir doch vier Minuten Zeit, damit wir dir schnell über die ertrinkenden Neger im Mittelmeer berichten dürfen. Hab doch die Gnade, einen Blick drauf zu werfen. Ach nein? Zu lange? Dann lies doch wenigstens das kurze Stück über den coming Hosenscheißer der Insulaner-Isolationisten. Da bist du schnell durch mit. Dauert höchstens zwei Minuten.“

Controller kriegen Pitbulls

Dass die Presse so am Boden ist, verdanken wir einer Spezies namens Controller, die von einer amerikanischen Geheimorganisation namens McKinsey ausgebildet werden und die nach und nach alle Konzerne übernehmen. Dort wird dann freundlich Müll heruntergebetet und der Korrektheit gefrönt, während diese Kaste nahezu lautlos Vorbereitungen für Massenentlassungen trifft. Sollte je ein großes Medienhaus Interesse an der Weinpartei haben, so werden die Controller dieser Firma bei ihrem Einritt so empfangen wie weiland Robert Parker bei Cos d’Estournel: ein Rudel Pitbulls für die Erbsenzähler.

Sie meinen, ich sollte endlich mal zur Sache kommen? Zum Wein? Bin ich schon. Da oben steht Cos d’Estournel. Das ist ein berühmtes Weingut im Bordelais. Früher habe ich immer „im Bordeaux“ geschrieben (peinlich, ich weiß), aber der Fehler ist selbst der Korrektur des hanseatischen Wochenmagazins nicht aufgefallen, das meine Texte einkaufte. Ein an der Elbe lebendig begrabener Weinjournalist konnte sich schließlich nicht zurückhalten, die Ressortleitung auf meinen Fauxpas aufmerksam zu machen. Begleitet von einem Schreiben, in dem er auflistete, welche anderen Fehler ich als Weinschreiber sonst noch machte. Der hat sicher in der Klasse immer als erster aufgezeigt. „Herr Lehrer, ich weiß was!!!“

Ja, ich komme schon zur Sache! Ich vermelde, dass ich in den letzten Wochen ein paar große und mittlere Weine aus sogenannten Jahrhundertjahren getrunken habe. Ich kann auch genauer werden, wenn ich will – nicht, wenn Sie wollen, Sie haben hier nichts zu wollen –, es waren Bordelaiser (Bordeauxler) aus den Jahren 1990 und 2000. Und Toskaner von 1990, 1997 und 1999. Wie schon oben steht (nicht eine Zeile höher, sondern ganz oben), ist dieser Artikel ein absolutes Minderheitenprogramm und missachtet sträflich die alljährliche Informationspflicht über Spargelweine.

1990 austrinken. 2000 auch.

Mein Empfinden – ich habe es schon lange – ist, dass man die meisten 1990er jetzt austrinken sollte. Der Mouton neulich war bereits drüber. Ein bisschen nur, aber doch. Am Gaumen fehlte Druck, und die Frucht war per Autostop an die Côte abgehauen. Diesen Eindruck bestätigte eine zweite Flasche 90er Mouton, die ich eine Woche später trank. Und der letzten Samstag getrunkene Palmer ’90 (Foto steht im Gesichtsbuch) war auch nicht mehr in der besten Verfassung, obwohl er sogar noch mehr erregtes Glied hatte als der teurere Mouton. Schwach auf den Beinen waren zudem der Lynch Bages, der Ducru, die Baronesse und der Pape Clément. Kirwan und „Schaß-Splien“ machten eine bessere Figur, der Trotanoy wiederum nicht. Die Weine von 2000, einem Jahr, das ja auch in den Himmel heilig gelobt wurde, fangen meiner Meinung nach auch schon zu verblühen an. Allen voran wieder der Mouton, dann einges vom rechten Ufer. Und erstaunlich viel der mittleren Kategorie. Also solche Weine wie Cantemerle, Cissac, Camensac.

Ähnlich Italien. Also die Toskana; Piemont habe ich zuletzt nicht viel getrunken, Toskana aber jede Menge. 1990 ist meistens drüber – tschüss mit ü. Die Riserva-Chianti auf jeden Fall. Gut, so Bolzenschussgeräte wie der Understatement-Angeberwein „Solaia“ vielleicht noch nicht. Aber das meiste. Begleitend bedrückt, wie viele Supertuscans von ’97 und ’99 heute schon nach dem Krückstock schreien. Darunter auch Abfüllungen von Weingütern, die für die Langlebigkeit ihrer Weine bekannt sind. Also Felsina, Querciabella, Fonterutoli, Lisini, Ama, undsoweiter – ich bin hier nicht angestellt worden, um Weingüter aufzuzählen.

Gut gehalten haben sich alle Riserva Ducale von Ruffino. Aber dafür sind die ja gemeinhin bekannt. Weiß nicht, was der Kellermeister da reinschüttet. Wahrscheinlich Frostschutzmittel mit Cassisgeschmack. Diesen Wein gibt es übrigens bei Rewe. Sechzehneuroundeinpaarzerquetschte.

Ist Ihnen nicht schon fad?

Sehr brav: Sie haben bis hierher durchgehalten, obwohl dieser Artikel keinerlei Nutzwert für Sie hat, weil Sie höchstwahrscheinlich gar keinen der genannten und nicht genannten Weine aus diesen sogenannten Jahrhundertjahrgängen im Keller haben. Außer Sie sind der Mann von der Ferres oder Martin Schlaff (gugeln). Für die anderen habe ich eine gute Nachricht: Ich beobachte nun schon mein halbes Säuferleberleben lang, dass sich jene, lediglich als „ordentlich“ eingeschätzten Jahrgänge mit den Jahren teils außerordentlich entwickeln, jedenfalls aber besser, als das Prädikat ihnen zubilligt. Im Bordelais (Bordeaux) sind das 1979, 1983, 1985, 1988, 1989(!!), 1993, 1995, 1999, 2001(!!!), 2004, 2006 und 2008. 1979 und ’83 werden meist auch schon die Radieschen von unten sehen; ’85, ’88 und ’93 haben gute Chancen, noch einige Zeit ihre Rente zu genießen. Und 1989 ist für mich einer der überraschendsten Jahrgänge überhaupt! Das Zeug hat sich in der Flasche gigantisch gut geschlagen und überzeugt mich heute mehr als mancher 90er.

Ich bin mir mehr und mehr sicher, dass italienische Weine weniger lange halten, als ihre Winzer behaupten. Ziemlich gut stehen gerade Toskaner aus dem Jahr 2001 da. Und die von 2004, wie mir berichtet wird. Und 2006 und 2008. Für Weine aus dem Piemont sind Andere zuständig, denn ich habe noch genug Flaschen aus den grandiosen Jahren ’96 und ’99 im Keller. Das langt mir.

Ein gutes Weinjahr erkennt man übrigens nicht an den vielen Sonnentagen und am wochenlangen Badewetter. Doch darüber ein anderes Mal. Sonst bekommt dieser Artikel ja doch noch einen Informationswert, der mehr Leute betrifft als die paar Weinspinner mit Flaschenlager, die mit meinem Jahrgangsgeschreibsel was anfangen können. Und das will ich unbedingt vermeiden.

Morgen schimpfe ich dann auf Leute, die ein Kellerbuch führen. Oder vielleicht will ich einfach nur meine Ruhe. Danke für Ihre Aufmerksamkeit, die Klasse darf sich bis zur Pause still beschäftigen. Dieser Text vernichtet sich um 14h selbst (Beschwerden sinnlos. Ich habe nicht gesagt, an welchem Tag.)

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