Werde Weinpapst (geht easy)!

VON RIGHT SAID FRED Wein ist in Mode. Über Wein zu reden, gehört heute zum gehaltvollen Smalltalk. Doch vieles, was da verzapft wird, ist schlicht Unsinn. Die Wineparty bringt ein Dutzend provozierende Postulate, die Sie im Gespräch zum pointierten Weinkenner machen, ohne viel über Wein wissen zu müssen.

Sie sind zum Essen eingeladen. Es ist eine größere Runde, und man redet über dies und das, weil man nicht über Politik, Wirtschaft, oder die Bundesliga reden will. Also redet man über Wein.

Der wird ja schließlich gleich getrunken.

Wein ist heute Teil der Alltagskultur. Das war nicht immer so, noch vor wenigen Jahren trank die Masse der Menschen bloß schlecht gepanschte Industrieplörre. Nur eine kulturbeflissene Minderheit genoss Wein von kleinen handverlesenen Winzern aus kontrollierten Anbaugebieten.

Weinkultur hinterließ folglich den Eindruck, Teil eines zeitlosen Snobismus zu sein. Einerseits verachtete man die Weinschwätzer, andererseits bewunderte man ihren stilsicheren Umgang mit dem besten Getränk der Welt.

Es waren Weinkritiker wie Robert Parker, die das schlürfende Bürgertum als nachplappernde Deppen entlarvte. Nur wenig Wissen entsprach den Tatsachen, das meiste entsprang der Phantasie einiger englischer Weinjournalisten. Mit Parker wurde das unsinnige Getue beerdigt, über das man heute noch in verstaubten James-Bond-Filmen lachen kann.

Dem alten Weingeschwätz folgte neues Weingeschwätz, zumeist mit den gleichen, alten Inhalten. Doch jetzt diskutieren nicht nur Snobs mit Spleen über Jahrgang und Holzfass, jetzt tut das auch der Bahnhofsvorstand mit seiner Bankangestellten. Weintrinken und Weinkultur sind demokratisiert. Und das ist wirklich gut so.

Was aber, wenn das nötige Grundwissen fehlt? Wenn man nichts über Mostgewicht und Säureabbau weiß? Wenn Worte wie „Chaptalisierung“ und „Mazeration“ Fremdwörter bleiben?

Dann muss man mit unverfänglichen, aber dem allgemeinen Halbwissen widersprechenden Thesen kontern. So werden Sie in einer Runde von selbsternannten Weinkennern der einzige mit Profil und Standpunkt sein. Hier nun zwölf wahre Sätze, die Sie bedenkenlos zu Ihrem eigenen Ruhm verbreiten können:

+) „Weißwein wird immer zu kalt getrunken.“

Aus unerfindlichen Gründen glaubt man, die alte Tradition des eiskalten Weißweines auf die fruchtigen und oft auch körperreichen Weine der önologischen Moderne übertragen zu können. Eiskalt darf Weißwein nur als Spritzgetränk getrunken werden. Die ideale Temperatur liegt für leichte Weißweine zwischen sieben und zehn, für schwere Weißweine zwischen neun und zwölf Grad. Ist der Wein zu kalt, so verliert er alle Nuancen der Frucht und auch seine Eleganz.

+) „Rotwein soll nicht bei Zimmertemperatur getrunken werden.“

Auch so eine alte, längst überholte Regel. Sie stammt aus der Zeit von Kaiser Franz und Konsorten, in der man sich noch im Speisezimmer an der Tafel zum gemeinsamen Essen einfand. Freilich wurde dieses Zimmer im Winter nicht geheizt, und so hatte es eben nur sechzehn Grad, oft noch darunter. Viele Weintrinker glauben absurderweise, der Wein entfalte sich erst bei vierundzwanzig Grad und darüber. Doch das Gegenteil ist der Fall, jeder Rotwein wird warm zur plumpen Plörre, sein Alkohol sticht in der Nase und verätzt die Speiseröhre. Die richtige Temperatur für Rotwein liegt zwischen sechzehn und achtzehn Grad. Da behält der Wein seinen Charakter, den man ja auch bei einer Kellerprobe gut wahrnehmen kann.

+) „Das Dekantieren alter Weine ist meistens Quatsch.“

Beim Dekantieren geht es darum, dem Wein genügend Luft zuzuführen, damit er sich öffnet. Das ist vor allem bei modernen Weinen wichtig, die oft sehr voluminös, tanninreich und alkoholisch sind. Wenn der Wein schon gelüftet wird, dann sollte man auch darauf achten, dass er die richtige Temperatur behält.

Vom Dekantieren alter Weine ist aber abzuraten. Hier wird gerne behauptet, dass das Dekantieren den Wein vom Weinstein, dem sogenannten Satz trennt. Das mag zwar teilweise wahr sein, doch der Lufteinfall bei alten Weinen lässt diese in der Dekantierkaraffe schnell altern, mitunter sogar zusammenbrechen. Deswegen die Weine lieber in der Flasche lassen und gegen Ende vorsichtiger einschenken. Unter alten Weinen versteht man Weine, die zwölf Jahre und älter sind. Bordeaux, Burgunder, starke spanische und kalifornische Weine kann man auch im Alter von fünfzehn Jahren noch dekantieren, wenn sie es brauchen. Man merkt das an ihrer Unzugänglichkeit beim Probeschluck, der etwa eine halbe Stunde nach dem Öffnen erfolgen sollte.

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