Hört mal zu, ihr Flaschen..

VON FLORIAN SEVERIN Schnell mal den Ärger raus: Sagt mal, Winzer, müsst ihr jetzt alle eure Weine in dickes Glas verpacken? Was wurde aus der alten, einfachen Schlegelflasche? Die leichte. Die von früher. Ich will weniger schleppen. Und wegen des Klimadings wäre es auch.

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Rumms, schepper, klirr. Und schlepp. Wer von Produzenten derart mit Probeflaschen zugeschüttet wird wie die Kollegen und ich, der hat so einiges zu tragen. An Weinkisten.

Umso ärgerlicher ist da eine Tendenz, die ich schon seit einigen Jahren feststelle. Und die mich langsam aber sicher zum vorzeitigen Dauerpatienten beim Krankengymnasten macht. Eine Tendenz, die nicht die Weine selbst betrifft, sondern ihre Verpackung. Reden wir über Weinflaschen.

Die Entwicklung begann mit dem Großen Gewächs, kurz GG. Der trockene Spitzenwein eines Weinguts sollte das sein (sofern es sich im prestigeträchtigen Verband der Prädikatsweingüter, kurz VDP, befindet). Für viele deutsche Weingüter ist das GG damit kein Umsatzbringer, sondern ein Marketinginstrument. In anderen Ländern würde man mit den GG’s auch Geld verdienen. Doch in Deutschland, dem Land der Schäuble-Sparmeister, verkauft man davon kaum. Die Strahlkraft des Produkts stärkt aber das übrige Sortiment. Der günstige Gutswein läuft, weil es das GG gibt.

Große Flasche für großen Wein

Für ein solches Renommierstück muss natürlich eine Renommierflasche her. Und so entwirft der VDP für seine Mitglieder eine modern interpretierte Variante der klassischen Schlegelflasche. Kantiger, schwerer. Und wuchtiger. Alles an dieser Flasche ist überbetont, sie ist sozusagen die Karikatur des Klassikers, der glasgewordene Tom-Ford-Anzug.

Bitte nicht falsch verstehen: Wie auch ein Anzug von Tom Ford ist die GG-Flasche gut. Ästhetisch überzeugend, funktional einwandfrei und einfach gut proportioniert. Schwieriger wird es da schon mit dem Trend, den diese Flasche losgetreten hat. Denn mittlerweile wird vielerorts nicht nur das Große Gewächs in den Flaschenford gefüllt, sondern schlicht alles, was das Weingut verlässt.

Ende des Einfachen

Die einfache, reguläre Schlegelflasche hat ausgedient und wird von der Krankheit des Upgrades verdrängt. Das wiederum hat zur Folge, dass am oberen Ende Platz wird für etwas noch Schwereres, noch Größeres, noch Bombastischeres. Den Flaschen-Hulk, sozusagen, das Ende des Einfachen.

Klar: Ein guter Wein verdient eine gute Flasche. Klar aber auch: Kein Mensch will sich einen Bruch an einem simplen Sechserkarton heben. Wie klein muss bitte das Selbstbewusstsein eines Winzers sein, der sich bemüßigt fühlt, alle seine Weine in astronomisch schwere, dicke, große Flaschen zu füllen?

Überfluss, Beschiss und Verschwendung

Diese Entwicklung ist nicht nur schlecht für die Rücken aller Weintrinker ohne Personal. Auch das Klima leidet, denn jedes unnötig transportierte Kilogramm Gewicht erzeugt überflüssige Gramm CO2. In yer face, Biowinzer! Klar auch: Am Ende ist alles eine Frage der Verhältnismäßigkeiten. Deshalb: Große Weine in große Flaschen. Und Alltagsweine in Alltagsflaschen. Alles andere ist Überfluss, Beschiss und Verschwendung. Mein Wort in Winzers Ohr. Bitte. Danke.

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