Das Land der einsam guten Roten

VON SEYMOUR HERSH Österreichs bekanntester Rotwein heißt Blaufränkisch. Und inzwischen symbolisiert er die Wiedergeburt einer verlorenen Rotweinkultur. Doch gibt es so etwas wie ein Rotweinwunder in Österreich? Und hat es Bestand?

Es gibt ein Ereignis, eher eine Schöpfung, eine Kreation, das oder die jedem enthusiastischen österreichischen Weintrinker bekannt ist. Es fand knapp nach dem verheerenden und alles verändernden Weinskandal statt. Im Burgenland. In Rust am See. Im Jahr 1986. Im Keller von Ernst Triebaumer.

Triebaumer brachte gerade seine Blaufränkisch-Trauben aus der Lage Mariental ein. Es war ein gutes Weinjahr, aber retrospektiv kein sensationelles. Trotzdem gelang Triebaumer mit diesen Trauben und dem aus diesen Trauben gekelterten Wein ein Meisterstück, ein Meilenstein, eine Legende, eine Ikone, die wohl für immer Spuren hinterlassen wird. Warum?

Zur Antwort reicht ein Satz: „Der Blaufränkisch Ried Mariental 1986 war der erste Rotwein Österreichs, der bewies, dass österreichische Rotweine zu den besten Rotweinen der Welt zählen.“ Vor einigen Jahren mussten man diesem Satz noch das Wort „können“ hinzufügen. Heute nicht mehr. Heute tun sie es. Doch dazwischen liegen fast dreißig Jahre. Was ist inzwischen geschehen?

Nicht können. Kann!

Wer etwas älter ist, der erinnert sich noch an jene Zeit, als österreichischer Prestigerotwein aus Niederösterreich kam. Und zwar von dort, wo ihn heute niemand vermuten würde – aus Mailberg an der tschechischen Grenze. Hier haben die Malteser jede Menge Weinberge, die sie von Lenz Moser bewirtschaften lassen. Unter dem korrekten Wortlaut des Ordens „Kommende Mailberg“ brachte man in den frühen achtziger Jahren auch eine klassische Bordeaux-Cuvée aus Cabernet Sauvignon und Merlot in Umlauf, der lange Zeit als der beste Rotwein Österreichs galt. Er wurde in jeder DC-9 der Austrian Airlines ausgeschenkt, es gab ihm im Speisewagen der Bundesbahn genauso wie in den piekfeinen Szeneetablissements des jungen Attila Dogudan. Der Wein aus dem kühlen österreichischen Norden war ein Bote der Kommende und ein Vorbote des Kommenden; sein erstaunlicher Erfolg war es, der viele österreichische Winzer nach dem Weinskandal ihr Heil in internationalen Rotweinsorten suchen ließ – Cabernet, Merlot, Syrah, ja selbst Sangiovese und Nebbiolo. Damals bejubelte man diesen Schritt hin zur Internationalität Österreichs. Doch der Ried Mariental 1986 von Triebaumer machte der Bewegung einen Strich durch die Rechnung. Auf einmal Blaufränkisch? Diese „olle Kamelle“, wie bundesdeutsche Importeure noch Anfang der Neunziger spotteten.

Der Ried Mariental 1986 kam 1989 auf den Markt und wurde zuerst freundlich bemerkt, danach interessiert nachverkostet, zuletzt enthusiastisch bejubelt. Ein Rotwein mit dieser Kraft, dieser Würze und dieser delikaten Säure war in Österreich nie zuvor gekeltert worden. Er wurde wie ein Wunder betrachtet. Doch die damals wichtigste Eigenschaft dieses Weins war, an große Bordeaux zu erinnern. Immer wieder las man diesen Vergleich. Und er stimmte.

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