Thumbs Up Rheingau

VON FLORIAN SEVERIN Der Rheingau lädt seine Batterien. Doch leider besitzen die großen Winzer auch die größten Kraftwerke. Da kann man ein Riesentalent wie Irene Söngen schnell übersehen. Wir aber finden sie. Und ihren genialen Riesling.

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Soengen

 

Der Rheingau. Unendliche Weiten. Wenn da die Hügel und Hänge nicht wären. Gottseidank sind die da, sonst gäb’s hier keinen Wein. Unendliche Breiten dann eher. In die Breite gegangene Weine. Der Rheingau stand nicht gut da. Vor ein paar Jahren. Das ist vorbei.

Keine deutsche Weinregion musste in den letzten Jahren mehr Schelte, Häme und Spott einstecken. Zu Recht und Unrecht. Denn ja, der Rheingau ist stellenweise altbacken, überkommen und ewig gestrig, wobei  – wir wissen – das Ewiggestrige schnell wieder in Mode kommen kann. Doch im Rheingau gibt es eine teils unvernetzte Zelle hervorragender Nachwuchstalente und alter Größen. Wollen die sich nicht kennen lernen?

Das Weingut Balthasar Ress gehört zu diesen alten, reformierten Größen. Das Wein- und Sektgut Barth auch. Und viele mehr in letzter Zeit: Weil, Künstler, immer groß: der alte Hajo Becker. Dem seine Spätburgunder fasst man nicht. Von hier? Nicht wirklich, oder? Doch!

So Söngen auch die Alten gern

Aber es gibt im Rheingau eben auch eine ernstzunehmende Zahl kleiner Weingüter, die im ach so gründlichen Weinjournalismus viel zu wenig Beachtung finden. Obwohl sie mitunter spektakuläre Weine keltern.

Das Weingut der Irene Söngen gehört dazu. Auch wenn man sich dort alle Mühe gibt, gleich gar nicht groß bekannt zu werden. Keine ernstzunehmende Website, kein Social Media – nichts. Wer die Weine von Irene Söngen kennenlernen will, muss eben kommen und kosten. Auf ihr Weingut oder in den stationären Weinhandel. Anderswo ist sie nicht vertreten. Das ist schade, aber vorerst nicht zu ändern. Zumindest solange ihre Weine nicht hier besprochen werden. Also ändert sich das jetzt.

Söngen ist der neue Rheingau. Fernab von süßelndem, üppigem Zeugs, das nach ein, zwei Gläsern seinen Trinker satt und müde macht. Fernab von einer Preispolitik, die einem die Zornesröte ins Gesicht treibt. Fernab von allem, was man für gewöhnlich in den Rheingau des Gestern verortet.

Nicht populär, doch trotzdem hip

Genau deshalb ist Irene Söngen hier richtig, denn ihre Weine strahlen eine kristalline Präsenz aus, die niemals aufdringlich oder gar effekthascherisch daherkommt, sondern immer fokussiert, konzentriert und unbeschwert, ohne dabei in das leidige Klischee des Massentauglichen zu verfallen. Also genau das, was ich so schätze: echt, direkt und schmackhaft. Nicht wie ein Hit von Taio Cruz, sondern ein unerklärlicher Chartstürmer von Fun (kennen Sie beide nicht? Macht nichts). Söngen ist viel zu eigen, groß populär zu werden, doch aus unerfindlichen Gründen dennoch hip. Vielleicht weil ihre Orientierung an Größen des Business spürbar, aber nicht dominant ist.

Also mache ich eine Flasche  Riesling Kabinett trocken 2013 von Irene Söngen auf. Ein Kabinett, so echt, wie ihn die Zeiten und klimatischen Bedingungen zulassen. Mit nur 11,5% Alkohol (unvergessen die großen Worte vom großen Hendrik Canis: “Alkohol? Seit wann haben Weine Alkohol?”) und einer schicken und ausgesprochen hohen Schlegelflasche. Die Ausstattung mit Büttenpapier und Wachskapsel über dem langen Naturkorken kann sich sehen lassen – könnte man doch nur dasselbe über die mediale Präsenz des Weinguts behaupten!

Ins Glas fließt ein sehr heller, gelblich-weißer Saft mit grünen Reflexen und mittlerer Viskosität. Die Nase gibt sich ausgesprochen frisch, sauber und klar und duftet nach weißen Johannisbeeren, Minze und frisch vom Strauch gezupften Brennesselblättern. Noch einige Hefenoten, das sagt zumindest einiges über das Lagerpotenzial dieses Kabinetts aus. Ein erster Schluck bestätigt diesen Eindruck.

Leichtwein zum schnell mal eine Flasche Wegtrinken

Da ist zuerst enorm viel kristallklare Frische. Außerdem eine satte Portion Rucola in Apfelessig und rosa Pfeffer, frisch aus der Mühle, mariniert. Eine kühle Frucht reiht sich angenehm dezent hinter einer prägnanten mineralischen Ader ein, um im harmonischen, noch von einem leichten Bitter gefärbten Abgang wieder aufzutauchen und sich mit der reifen, aber keinesfalls milden Säure zu vereinen. Der Wein ist vollkommen trocken und ideal als Partner leichter Vorspeisen oder sogar eines Fruchtsalats. Für Schwereres ist er freilich etwas zu leichtgewichtig – aber dafür ist er vermutlich auch gar nicht gemacht.

Das ist er also, der neue Rheingau. Der, der seit so vielen Jahren beständig beschworen wird. Und der irgendwie nie kam. Jetzt kommt er endlich, und er wird sich hoffentlich durchsetzen. Mehr davon. Aber bitte jetzt!

Söngens Riesling gibt es um lächerliche € 7,50 bei Ludwig von Kapff. Die Redaktion betont mit Nachdruck, dass sie keine Zuwendungen von Winzern und Händlern für Nennungen und Verlinkungen bekommt. Solches ist und bleibt uns fremd.

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