Die Obsession Orange

VON MANFRED KLIMEK Orange Wines sind in aller Munde. Soll heißen: Nachdem schon so irre viel über sie geredet wurde, werden sie nun tatsächlich auch getrunken. Doch was bedeutet „Orange“? Und wird sich dieser Weinstil durchsetzen?

Das Weinmachen war über Jahrzehnte keinerlei Moden ausgesetzt; ganz gegenteilig wurde von den Winzern und Weinmachern Beständigkeit verlangt – verlässliche Weine, die der jeweiligen Klientel schmecken mussten. Die meisten dieser Weine waren einfache Kelterungen, die in Fässern geliefert, in Fabrikationshallen verschnitten und in Weinstuben ausgeschenkt wurden. Die bürgerlichen Eliten Englands und Frankreich erfanden für sich und ihren Spleen die großen Châteaux, die imstande waren, auch außergewöhnliche, lang haltbare Weine zu fabrizieren. Wein wurde zu dieser Zeit zu 100% nur zum Essen getrunken. Das war die alte Weltweinordnung. Sie zerbrach in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Da entstanden die Vinothek mit ihrem Verkostungsraum, der Degustationswein und der Weinbewertungs-Punktewahn. Seitdem ist alles anders.

Weine unterlagen von nun an Moden; erfolgreiche Weine hatten modisch zu sein. Zuerst haben das die Italiener begriffen, alte, toskanische Winzer, die ihre Söhne in der Maremma ein neues Gebiet namens Bolgheri kreieren ließen – heute die Heimat der bekanntesten italienischen Weine Sassicaia, Ornellaia und Masseto. Den Italienern folgten die Kalifornier. Und mit ihnen der amerikanische Tester Robert Parker, der der Weinwelt seinen Geschmack oktroyierte – fette, marmeladige, fruchtige Rotweinbomben. Das tat er mit allem Nachdruck, sodass er zur Marktmacht wurde. Diese Entwicklung ließ auch die widerständigen Franzosen aufgeben – die Inhaber der ehrwürdigen Châteaux vergaßen ihre ruhmreiche und stets hinausposaunte Tradition und liefen zu Parker über. Etwa um 1999 schmeckte jeder große Rotwein weltweit gleich. Parker war Couturier geworden, ein Modeschneider der Weinwelt.

Avantgarde wird Mainstream. Dann muss eine neue Avantgarde her

Doch wenn Avantgarde in die Breite geht, braucht es eine Gegenbewegung. So will es das Gesetz der Mode, dem Wein bis zu jenem Zeitpunkt noch nie zu folgen hatte. Gegen die fetten Marmeladenweine Parkers etablierte sich eine Szene schlanker, mineralischer und eleganter Weine, die sehr oft auch auf autochthone Trauben setzte, also Sorten, die im nivellierten Rebenspiegel der Parker-Adoranten nicht vorkamen. Wer diese Weine trank, stellte sich automatisch gegen die Amerikanisierung der Weinwelt. Und es war logisch, dass Parker nach einer Schrecksekunde begann, gerade diese Weine zu umarmen. Eines der besten Beispiele sind die spröden, aber unglaublich gewichtigen Blaufränkischen von Roland Velich aus dem Burgenland. Der Ausnahmewinzer bekommt für einzelne Kreationen genauso viele Parker-Punkte wie große französische Châteaux. Parker ist eben ein kluger Hund.

Doch auch diese Weine sind inzwischen in die Jahre gekommen. Und so betrat eine neue Weinmode die Bühne, die seit etwa vier Jahren durch die Köpfe der Weinhändler und Sommeliers spukt. Inzwischen hat jeder davon gehört, von den „Orange Wines“. Doch was bedeutet der Begriff?

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