Deutscher Wein! Wohin des Weges?

LESESTRECKE Wo steht der deutsche Wein? Was blüht ihm? Und wo droht Hagel? Trotz vieler Investoren und mutiger Winzer hat er keine Mitte gefunden, keinen Halt, der ihm Sicherheit gibt.

Erstes Bild: Die kommende Wärme

Die Deutschen taten sich lange schwer mit deutschem Wein. Noch vor zehn Jahren tranken die aufgeschlossenen, urbanen Eliten vor allem italienischen, spanischen oder französischen Rebsaft. Und gelegentlich eine Flasche aus Österreich oder Australien. Deutscher Wein, egal ob weiß oder rot, stand für aufgezuckerte Plörre, die vor allem Rentnern schmeckt, die einer falschen Weinbautradition nachhängen. Und dieser Eindruck war nicht mal falsch.

Doch inzwischen hat im deutschen Weinbau eine Revolution stattgefunden. Ihr Kernsatz ist simpel: Weniger mit Mehr und Klasse statt Masse. Weniger mit Mehr heißt, weniger Flaschen von Weinen abzufüllen, die mehr Sortentypizität und Regionalität vermittelt. Klasse statt Masse heißt, exzellent ausgearbeitete Kreationen in den Handel zu bringen, die sich in ihrer Machart radikal von Massen- und Industrieweinen abheben. Die Folge dieser Entwicklung: Es gibt heute in Deutschland viele Weinbauern, die unter die weltbesten Weinmacher gereiht werden; ihre Flaschen sind selten und gefragt und kosten mehr, als der deutsche Durchschnittskonsument für Wein auszugeben bereit ist. Diese neuen deutschen Weine verkörpern ethisches Prestige, denn die zumeist modernen Etiketten und die oftmals biologische Machart decken sich mit dem Lebensstil ihrer Konsumenten. Die Winzer dieser Weine sind Lifestyleagrarier, die ohne herbeiphantasiert Tradiertem auskommen.

Ein Teil der Revolution ist auch die Abkehr von restsüßen Weinen. Trocken ist Trumpf. Das ist erst einmal eine gute Entwicklung, denn der gegenwärtige Konsumentengeschmack hat die Chaptalisierung, das Aufzuckern saurer Weine, dramatisch minimiert. Hinzu kommt, dass der Klimawandel den deutschen Winzern nun viele Jahrgänge beschert, die die Trauben gut ausreifen lassen. Das ist selbst im verregneten Jahrgang 2014 oft der Fall. Der Nachteil aber: Die traditionell restsüßen, deutschen Kabinettweine, eine Spezialität, die man vor allem in England und Amerika schätzt, werden im eigenen Land nur mehr selten nachgefragt. Zum Klimawandel kommt also auch ein Geschmackswandel hinzu, der einen Klassiker des europäischen Weißweins gefährdet.

Deutschland wird Rotweinland. Noch dazu ein richtig gutes

Dieser Klimawandel, die neue Wärme, macht Deutschland überraschend auch zu einem interessanten Rotweinland, Das beweisen etliche großartige Spätburgunder aus Baden, der Pfalz, ja selbst aus Franken und von der Ahr. Und die Lemberger aus Württemberg lassen hoffen, dass Deutschland mit seinen autochthonen Sorten alsbald zu den großen Rotweinnationen Europas aufschließt. Doch diese Entwicklung ist bei den meisten Deutschen noch nicht angekommen. Und selbst wenn die deutschen Weintrinker ein gesteigertes Interesse für deutsche Rotweine zeigen würden, könnten die Winzer diese Nachfrage nicht befriedigen. Deutscher Rotwein wird also ein Nischenprodukt blieben.

Die Revolution im deutschen Weinbau hat aber leider die deutsche Pfennigfuchserei nicht beseitigt. Gute deutsche Weine sind immer noch viel zu billig. Wenn ein exzellenter Gutsriesling, so sagen viele Händler, beim Konsumenten unter € 10,00 kosten muss, dann geht er vom Weingut um € 4,50 an den Händler. Zudem kosten fast alle Großen Gewächse und Ersten Lagen unter € 50,00 pro Flasche. Franzosen und Italiener zahlen viel mehr für die besten Weine des Landes. Und im benachbarten Österreich ist der Konsument schon seit Jahren bereit, die Weinkultur auch monetär zu festigen.

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