So herrlich unterkühlt

VON MANFRED KLIMEK Floriane Eznack wollte mal Pilotin werden. Doch irgendwie wurde da nix draus. So wurde sie eben Önologin. Und rettet ganz knochentrocken ein altehrwürdiges Champagnerhaus.

Der Boulevard Lundy grenzt die Innenstadt von Reims zum Westen hin ab. Der Lauf der ehemaligen Stadtmauer ist eine wenig glamouröse Strasse, die man mit wenigen Schritten zügig überqueren kann. Doch sind es manchmal gerade die unauffälligen Meilen, etwa die Zürcher Bahnhofsstrasse, die den besten Namen eine Adresse geben. Und während in Zürich Gold als feste Barren unter dem Pflaster liegt, sind es in Reims die Fässer und Flaschen der besten Champagnermarken der Welt. Eine jener heißt Jacquart. Und wird von Frauen geführt.

Im angrenzenden Anwesen füllen sie gerade Krug-Champagner – immer noch der teuerste Schaumwein der Welt –, ein paar Meter weiter die Gebinde von Louis Roederer. Man hört das Surren und Klirren der Anlagen und den Piepton reversierender Lastwägen, die die Paletten zu den Handelshäusern bringen. Nur im Haus Nummer 34, bei Jacquart, hört man nichts. Denn in dem teuer renovierten Palais wird nur verkostet und repräsentiert. Die schicke Empfangsdame geleitet einem in hohe, stuckverzierte Räume. Kellner in perfekt sitzenden Anzügen decken für das Mittagessen auf, vor dem fischdominierten Fünfgänger wird salziges Gebäck und Lachs gereicht. Und freilich Champagner, der Brut „Mosaïque“, die einfache Hausmarke, an der man jeden Hersteller messen muss.

Der Brut von Jacquart ist ungewöhnlich trocken. „Wie gemacht für den deutschen Markt“, sagt Floriane Eznack, die Önologin und Weinmacherin des Hauses, die jetzt den Raum betritt und das unverbindliche Lächeln einer Unternehmensberaterin aufsetzt, die ihrem zukünftigen Klienten das erste Mal begegnet. Augenscheinlich eine moderne Unternehmerin. Aber keine Winzerin, schon gar keine Winzerin, wie man sich eine Winzerin gemeinhin vorstellt. Kein Schmutz unter den kurz geschnittenen und mit durchsichtigem Lack überzogenen Fingernägeln, keine Reste von Maische in den Poren der Finger, kein sonnengegerbtes Gesicht, sondern eine fast faltenfreie Haut, die Augenlider unter den gezupften Brauen lediglich mit leicht reflektierendem Kupfer bestrichen. Durch und durch Französin, obwohl sie in vielen Momenten der amerikanischen Schauspielerin Jodie Foster zum Verwechseln ähnlich sieht.

Keller statt Feld

„Madame: Stehen Sie auf dem Feld?“ Eznack lacht: „Nur selten. Ich bin ja Chef de Cave. Eher finden Sie mich im Keller.“ Dort, in den Gewölben ihres Arbeitgebers, der „Alliance Champagne“, trifft die studierte Biochemikerin mehrmals im Jahr mit den anderen Kellermeistern des Unternehmens zur Beratung zusammen. Die liefern ihr zu und zeichnen auch für weit größere Zweitmarken der Alliance – etwa den in französischen Supermärkten sehr beliebten „Montaudon“ – verantwortlich. Jacquart mag in der Alliance zwar die wichtigste Firma im Portfolio sein, Eznack füllt von dem Prestigewein jährlich aber „nur“ etwa drei Millionen Flaschen ab.

Drei Millionen Flaschen? Das wäre für einen deutschen Betrieb eine gigantische Produktion. In der Champagne fällt so eine Menge aber nur unter „ferner liefen“, denn zwischen der Region Aube und der Region Reims wird auf Teufel komm raus cuvéetiert und auf Flasche gezogen. Den Champagnerhäusern ist es gelungen, ihr Produkt trotz gigantischer Gesamtproduktionsmenge (geschätzte 280 Millionen Liter pro Jahr) immer noch als Luxus zu verkaufen. Zudem besitzen die meisten Champagnerhäuser nur wenige Weinberge und müssen ihre Trauben – selbst jene aus besten Lagen – bei vielen hundert Winzern einkaufen. Dieses austarierte System zwischen Keller- und Feldbesitzern ist weltweit einzigartig, der hohe Preis einer Flasche Champagner den teuersten Trauben aller Weinbaugebiete geschuldet. Der originellste aller Weine ist eine Gelddruckmaschine. Und die Kellerarbeit war lange Zeit ausschließlich in Männerhand.

Weiter auf der nächsten Seite

Ad