Anmut durch Armut

VON MANFRED KLIMEK Aus der Armut enstehen im Osten die interessantesten Weingüter. Das sicherlich interessanteste ist Strokov 1075. Zwei Quereinsteiger erfinden hier das Weinmachen neu. Und bauen Sorten an, die kein Mensch kennt.

Wenige Kilometer südlich von Bratislava sind sie dem total Autochthonen auf der Spur, dem Regionalen in Perfektion. Sie, das sind Tibor Melecky und Zsolt Sütö, junge Weinmacher der ungarischen Minderheit in der Slowakei und garantiert die einzigen Garagenwinzer internationalen Formats im gesamten Osten. Sie leben in Strekov, einem kleinen Dorf wenige Kilometer von der Donau entfernt. Beide sind Quereinsteiger aus Elektrik und Mechanik, Unbeleckte, die den Boden ihrer Väter neu bebauen. 

Melecky und Sütö arbeiten in 1075 Strekov, und so heißt auch ihr Weingut, cool und selbstbewusst wie eine Werbeagentur. 1075 Strekov ist ein mittelgroßes Haus mit großem Dachboden und betoniertem Keller. Nichts hier trägt Design, alles ist improvisiert und nur dem Nötigsten verpflichtet. Es rührt an, wenn man sieht, wie sich die beiden mit Energie in ihre neue Karriere stürzen. Und man freut sich mit ihnen, wenn man die Ergebnisse kosten darf, die all den professionellen Popanz anderer Erzeuger in den Schatten stellen. Alle Weine von 1075 Strekov sind außergewöhnlich, einige tatsächlich einzigartig. Wer Unbekanntes auf hohem Niveau sucht, wird hier fündig werden.

Das Königreich der genialen Dilettanten

Melecky und Süto haben, so handgezimmert ihr Weingut auch wirken mag, klare Vorstellungen von Qualität und Ethik. Dazu gehört die spontane Vergärung, der Verzicht auf Enzyme auch der spontane Säureabbau. Sie führen den Autor durch einen vor wenigen Tagen gerodeten und umgepflügten Weingarten, der dieses Jahr neu ausgepflanzt wird. Beide bücken sich und wühlen im lehmigen Boden auf der Suche nach Muschelkalk. Und tatsächlich kann Melecky ein komplett erhaltenes Gehäuse einer Meeresschnecke freilegen. Millionen Jahre alt. Das mag geringe Auswirkungen auf die Weine haben, es hat aber große Auswirkungen auf die Art, wie die Weine gemacht werden. Hier entsteht eine moderne Bodenständigkeit, fern jeder Ideologie.

Zurück auf dem Dachboden wird grauer Gummikäse auf Teller geschnitten, die ideale Begleitung für eine Verkostung, fast geschmacklos. Der Welschriesling 2007 trägt die Formel „sur lie“, das klingt besser als „auf der Hefe gelagert“. Das wurde er. Und zwar neun Monate lang. Deswegen schmeckt er auch nach keinem vergleichbaren Welschriesling österreichischer Machart (frisch, fruchtig, leicht). Die beiden neuen Winzer lassen sich viel Zeit, ihre Weine auf den Markt zu bringen. Diese Spätlese wird erst im Frühjahr ausgeliefert. Langer Atem.

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